«Pisse in Peace» Paris lädt zum Wildpinkeln ein

Wenn die Nacht über Paris hereinbricht, wird Frankreichs Hauptstadt von zahlreichen Wildpinklern heimgesucht. Zurück bleibt mindestens ein bestialischer Geruch. Nun glaubt die Stadt, eine Lösung für das Problem gefunden zu haben – und hofiert «les pipis sauvages».

Die Stadt der Liebe hat ein Herz für Wildpinkler: Statt die «pipis sauvages» mit hohen Bußgeldern zu maßregeln, lockt die französische Hauptstadt diese nun mit einer neuen Attraktion – dem «Uritrottoir». Dabei handelt es sich um Blumenbeete, die im wahrsten Sinne des Wortes zum Pinkeln in der Öffentlichkeit einladen. Schon jetzt versprechen die 1,20 Meter hohen Kästen ein echter Renner zu werden – und das nicht nur in Paris.

Bisher stehen zwei Exemplare des «Uritrottoirs» am Gare de Lyon. Die staatliche Eisenbahngesellschaft SCNF versucht in dem Pilotprojekt, das Umfeld des altehrwürdigen Bahnhofs von den beißenden Gerüchen zahlreicher, wild verrichteter, Notdurften zu befreien. Es ist allerdings eine Kampfansage nach dem Motto «Schwerter zu Pflugscharen». Denn die Installation der Pinkel-Boxen ist nicht nur eine Zuwendung an Wildpinkler. Sie ist zudem ein Coup in der Landschaftsarchitektur der Millionenmetropole.

Das «Uritrottoir», das der «Figaro» als «Freund der Pariser Blumen» bezeichnet, ist eine große Box mit einer seitlichen Urinal-Öffnung. Im Innern des Kastens befinden sich Stroh oder Holz- und Sägespäne, die bis zu 240 Liter Urin – Grundlage für diese Kalkulation ist eine Notdurft von durchschnittlich 450 Millilitern – aufnehmen können. Zur Verschönerung der Umgebung befindet sich auf der Oberfläche ein Blumenbeet.

Alarm beim «Urin-Aufseher»

Entwickelt wurde das «Uritrottoir», eine Wortschöpfung aus den Worten Urinal und Trottoir, von Laurent Lebot und Victor Massip. Die beiden Franzosen arbeiten bei «Faltazi», einem Industriedesign-Unternehmen aus dem westfranzösischen Nantes. Im Interview mit der «New York Times» sagte Lebot: «Öffentliches Urinieren ist ein großes Problem in Frankreich.» Insbesondere nach durchzechten Nächten verrichteten viele Franzosen ihre Notdurft in der Öffentlichkeit; zum Leidwesen von Anwohnern und anderen Passanten. Deshalb habe man das Problem lösen wollen.

Das Geruchsproblem umgeht «Faltazi» mit einem simplen Trick: Dank eines hohen Anteils an Kohle in der Box wird der beißende Geruch, der bisher allabendlich durch zahlreiche Gassen von Paris zog, erheblich reduziert. Ohnehin scheint es, als hätten die Erfinder beim «Uritrottoir» an alles gedacht: Wenn das Limit von etwa 600 Notdurften erreicht worden ist, schlägt ein elektronisches Überwachungssystem Alarm. Dann schlägt die Stunde des eigens für solche Fälle eingestellten «Urin-Aufsehers»: Diese Person veranlasst die Leerung der vollen Pinkel-Boxen sowie den Abtransport der uringetränkten Masse. Der Clou: «Wir machen Kompost. Wir nutzen zwei Abfallprodukte, Stroh und Urin, um etwas herzustellen, das Pflanzen wachsen lässt», sagte Lebot dem «Guardian».

Bereits während der Befüllungsphase werden beim «Uritrottoir» ganz nebenbei die oben aufliegenden Blumen gedüngt. Nachdem der Inhalt der Box abtransportiert und kompostiert worden ist, wird die Masse schließlich in öffentlichen Parkanlagen verteilt.

Männerdomäne «Uritrottoir»

Um die «Uritrottoirs» vor Graffiti zu schützen, sind sie mit einer Permanentbeschichtung versehen worden – in der Farbe Rot, damit auch wirklich jeder vom Harndrang geplagte Nachtschwärmer den Ort der Erlösung binnen weniger Sekunden ausfindig machen kann. Insgesamt gibt es das «Uritrottoir» in drei verschiedenen Ausführungen; jeweils für 3000 Euro.

Seit Herbst vergangenen Jahres stehen bereits drei Prototypen des «Uritrottoirs» in Nantes. Seither versucht «Faltazi» mit lustigen Werbespots und Slogans wie «Pisse in Peace», um die Aufmerksamkeit und die Akzeptanz für sein neuestes Produkt zu vergrößern. Offenbar mit Erfolg: Nach Nantes und Paris will nun auch das südfranzösische Cannes nachziehen. Der «New York Times» sagte Lebot, dass es zudem Anfragen aus Lausanne sowie aus Saarbrücken gibt.

Nur ein Problem bereitet den Designern weiterhin Kopfzerbrechen: Die bisherigen «Uritrottoirs» sind nur für Männer benutzbar. Das möchte man ändern, sagte Lebot. Doch «für Frauen ist die Lösung nicht so einfach».

/ N-TV

Posted on 3 février 2017 in Allemagne, Presse

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