Victor Massip, der eine Lösung für Wildpinkeln anbietet – SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Ein Urinal zum unter statt auf die Blumen Pinkeln, wenn die Notdurft groß, aber das nächste Klo fern ist: Zwei französische Designer präsentieren das «Uritrottoir».

Urinieren mitten in Paris, mit Blick auf ein Blumenbeet, und das auch noch völlig legal: Am Gare de Lyon in Paris stehen seit Kurzem zwei «Uritrottoirs», deutsch: Urin-Bürgersteige – was es jedoch nicht so ganz trifft: Es sind vielmehr bepflanzte Öko-Pissoirs mit kleiner Öffnung zum Reinpinkeln. Was erst einmal als Pilotprojekt angelegt ist, soll nicht nur Wildpinkler zu Öko-Pinklern umerziehen, es soll auch noch nach minimalistischem Möbelkatalog aussehen und, klar: ethisch korrekt sein. Geht so was? Ein paar Fragen zum zivilisierten Urinieren an einen der Uritrottoir-Erfinder, den Industriedesigner Victor Massip.

SZ: Herr Massip, gehen die Wildpinkler in Frankreich derart wild um, dass es ein Bußgeld nicht mehr tut?

Victor Massip: Na ja, es wird nicht mehr illegal gepinkelt als in anderen Großstädten. Aber in Paris gibt es viele Obdachlose, und die können es sich nicht leisten, in ein Café zu gehen und fürs Urinieren zu bezahlen. Und dann gibt es die Leute, die zwar das Geld hätten, aber einfach keine Lust dazu haben. Und am Gare de Lyon ist Wildpinkeln schon ein Problem. Was alleine die Reinigung kostet, was das an Wasser verbraucht!

Falls sich das Öko-Pissoir nun aber wirklich durchsetzen sollte und Ihre Erfindung bald in ganz Paris steht: Stößt man da nicht eine neue fragwürdige Mode an: das Public Pinkeln?

Es ist doch ein großer Unterschied, ob man einfach auf die Straße pinkelt oder das Uritrottoir benutzt. Wir geben den Menschen die Möglichkeit, umsonst auf die Toilette zu gehen, wenn sie dringend müssen.

Gegenteilige Perspektive: Könnte es nicht ein wenig peinlich werden, direkt vor dem Gare de Lyon Pipi zu machen? Selbst mit dem kleinen Sichtschutz.

Ja, das stimmt. Auf lange Sicht sollte man die Uritrottoirs etwas versteckter aufstellen, etwa am Ende einer Sackgasse. Aber es ist wichtig, erst einmal ein Signal zu senden wie in Paris. So sehen es viele Menschen und wissen dann, dass es so etwas überhaupt gibt …

… falls sie es denn als Toilette identifizieren. Ihr Werk sieht mehr aus wie ein Blumenkübel aus so einem supermodernen Einrichtungskatalog.

Das ist ja alles eine Frage des Designs. So ein Uritrottoir muss schön aussehen, damit es auch von den Menschen und besonders von den Anwohnern angenommen wird. Deswegen sieht es aus wie ein kleiner Garten.

Wie kommt man auf die Idee, eine Gehweg-Toilette zu erfinden?
Mein Kollege Laurent und ich interessieren uns für Biomüll: Im Inneren des Uritrottoirs liegen Stroh, Sägemehl oder Holzspäne. In Verbindung mit dem Urin entsteht daraus mit der Zeit Kompost. Und Kohle ist auch in der Box, die schluckt den Gestank. Ist das Uritrottoir voll, sendet es ein Signal, und jemand kommt zum Entleeren.

Klingt aufwendig. Wie viel kostet so eine Toilette?
3000 Euro. Es gibt drei verschiedene Modelle.

Und wie laufen die Geschäfte?
Wir haben zwei nach Paris verkauft und drei nach Nantes, sie stehen dort im Stadtzentrum. Viele Städte haben sich bei uns gemeldet und Interesse angemeldet: Lausanne, Rennes, Saarbrücken.

Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?
Äh, ja.

Haben Sie schon mal wild gepinkelt?
Natürlich, das passiert, manchmal geht es nicht anders. Das hat jeder schon mal gemacht. Ist doch menschlich.

Und wie sollen Frauen ökologisch wie gesellschaftlich korrekt pinkeln? Bisschen schwierig am Uritrottoir.

Das stimmt. Es ist für Männer gemacht, Männer sind ja auch das Problem. Natürlich würden wir gerne eine Lösung für Frauen anbieten – aber da kommt man an einer Wand natürlich nicht vorbei. Wir arbeiten schon an Entwürfen. Ist aber viel komplexer.

FRIEDERIKE ZOE GRASSHOFF

Posted on 12 février 2017 in Allemagne, Presse

Share the Story

Back to Top